Lauter Verrisse: Mit einem einleitenden Essay
von



 
Kleine bedeutsame Nachlässigkeiten
• • • •   (bewertet mit 4 von 5 Punkten)

Trotz meiner Vorbehalte gegen Herrn Reich-Ranickis gelegentliche affektiven Extravaganzen (vielleicht hätte er selbst es lieber ich sagte einfach: seine emotionalen publikumswirksamen Ausbrüche bei persönlichen Auftritten) - trotz dieser Ausbrüche also, schätze ich im Allgemeinen seine Vorstellungen von dem, was Literatur bieten soll.

Seine Ausführungen in »Lauter Verrisse« kann ich leider nur nach dem Ausdruck und der inneren Logik beurteilen, denn ich kenne die besprochenen Werke nicht. Was ich da lese, klingt mir allerdings plausibel. So manchen Tadel wendet man unwillkürlich auf eigene Schriftprodukte an...

Deshalb möchte ich hier nichts weiter über das Buch sagen. Aber ich habe bei der Lektüre ein besorgniserregendes Defizit beim Autor (sowie bei einer Figur Handkes) entdeckt - genauer gesagt, einen Mangel an fundamentalem psychologischem Wissen.
Und eine unverzeihliche Vernachlässigung in der Besprechungsaufgabe.
Worum geht es?
Im Rahmen der Besprechung Peter Handkes »Die linkshändige Frau« wird auf Seite 181 unten bis 182 (dtv Sept. 1992 11578) Folgendes diskutiert: Angesprochen, ob Marianne (die Ehefrau in der Krise) sich nach einem Freund sehne, bejaht diese und sagt: »Auch wenn ich immer mit ihm zusammen wäre, wollte ich ihn nie kennenlernen. Nur eins hätte ich gern ..., dass er ungeschickt wäre, ein rechter Tölpel; ich weiß selber nicht, warum.«
Herr Reich-Ranicki hält dies für die Wünsche eines pubertierenden Mädchens. Handke bestätigt diese Haltung seiner Figur sofort, indem er Marianne sagen lässt: »Ach, Franziska, ich rede wie eine Heranwachsende.«

Marianne und Herr Reich-Ranicki irren hier gewaltig. Dieser Wunsch nach einem (wahrscheinlich sehr lieben) Tölpel würde kaum einem jungen Mädchen kommen. Junge Mädchen wünschen sich möglichst fähige Partner, >Helden< hätte man früher gesagt. Und zwar ungeachtet der Tatsache, dass ein vernünftiges junges Mädchen sich dieses (überzogenen) Wunschdenkens völlig bewusst wäre.

Erbsenzählerei? Nein! Hier mangelt es an wichtigem psychologischem Wissen, ohne das ein richtiges Verständnis psychologischer Zusammenhänge nicht möglich ist. Das darf man dem Kritiker nicht durchgehen lassen. Was Handke selbst dazu meint, ist mir nicht bekannt. Er lässt es ja lediglich (mit Absicht oder Versehen?) eine Figur sagen.
Und da sind wir bei der angesprochenen Vernachlässigung: Herr Reich-Ranicki beschäftigt sich gar nicht mit der möglichen Absicht Handkes. Vielleicht legt er Marianne die Worte absichtlich als Fehlurteil in den Mund...!

Übrigens: Der Wunsch Mariannes ist allerdings verständlich und plausibel: Die Ehefrau will nicht wieder an einen bevormundenden >schlauen< Partner gelangen.


Eine Rezension von Der Leser >
vom 27. August 2009
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