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Sprachlose Geschwätzigkeit
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Zum Text: Marcel Reich-Ranickis Essay ist in einem dichten und informativen Hochschuldeutsch geschrieben. Man erkennt diese Aufsätze daran, dass sie solche Bildungsfloskeln wie: "mutatis mutandis" oder "nolens volens" usw. enthalten. Eigentlich könnte die Überschrift lauten: "Histologischer Abriss der literarischen Kritiken seit Jonathan Swift für das germanistische Proseminar", wenn die Sache nicht allzu tendenziös geschrieben wäre. R.R., der immer gleich hochging, wenn ihm ein Gleichgestellter etwa mit einem Goethezitat kam, ist hier ins unendliche Zitieren verfallen.
So ruft er fast alle bekannten Kritiker und Zeitzeugen der letzten Jahrhunderte auf, um von diesen darlegen zu lassen, warum literarische Verrisse nicht nur nötig, sondern unumgänglich sind. Auch wenn er die aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate nur nach diesem Zweck ausgewählt hat, ist er rhetorisch hinreichend geschult, diese teilweise auch noch zu konterkarieren. Auch ist er sich einiger hanebüchenen Assoziationen nicht zu Schade, die hinreichend belegen sollen, dass der Deutsche per se nicht fähig zur Kritik sei, weil er viel zu sehr den Untertanengeist verinnerlicht habe usw. und zeigt sich hier etwas engstirnig-borniert. So ist sein Aufsatz immerhin ein Kunstwerk einseitig-blinder Argumentation und alleine deshalb lesenswert für Leser, die lesen können, also sich kein X für ein U vormachen lassen.
Am Ende verfällt R.R. in einen sentimentalen Sprachduktus, erklärt, dass er ja mit den verrissenen Autoren mitfühlen könne, da er ja selbst auch Autor sei, der hin und wieder ein Buch herausbringe, was auch schon verrissen wurde. Da besteht er weinerlich auf die Zusammengehörigkeit mit den Schriftstellern. Vom Buchmarkt hören wir wenig von R.R. und dass dieser vielleicht auch den Gesetzen von Angebot und Nachfrage unterworfen ist, also ein schlechtes Buch sowieso früher oder später automatisch und ohne geschwätzige Auslassungen eines geltungssüchtigen Exhibitionisten seiner vermeintlichen Intelligenz vom Buchmarkt fällt. Nach R.R.s Aufsatz sind alleine die harten Kritiker dafür verantwortlich, was auf Dauer Bestand hat. Ich habe noch nie so einen schönen, charmanten und auch gleichzeitig fehlgehenderen und stupide, auf liebe Weise dümmlicheren Aufsatz gelesen. Das muss Marcel Reich-Ranicki erst mal einer nachmachen. Bravo! Fünf Sterne! PP
Eine Rezension von Prinz Prospero "PP" > Hessen
vom 25. März 2010 |