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Was ist eine Sternstunde?
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 1000 REZENSENT) (REAL NAME) Rezension bezieht sich auf: Sternstunden der Geschichte (Gebundene Ausgabe) Für das Buch „Sternstunden der Geschichte“ hat der Alexander Demandt dreizehn für die Menschheit bedeutende Ereignisse aus 2300 Jahren Geschichte gesammelt und kommentiert. Mag die eine oder andere Auswahl auch kritisiert werden (Gehört der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 wirklich nicht zu den großen Sternstunden?), so ist das Ganze doch eine unterhaltsame Lektüre.
Obwohl Demandt die Sternstunden an bestimmte Ereignisse und feste Zeitpunkte knüpft, sind sie doch auch immer der Abschluss eines Veränderungsprozesses und oft der Beginn einer neuen Epoche. So auch die erste Sternstunde: Der feierliche Einzug Alexanders des Großen in Babylon 323 v.u.Z. Alexanders glorreicher Feldzug beendete eine lange Periode, in der sich Griechen und Perser kriegerisch gegenüberstanden. Doch anders als die Sieger vor ihm, trachtet Alexander, der Makedone, nicht nach Rache und Vergeltung. Trotz oder gerade wegen seines jugendlichen Alters war seine Vision revolutionär: Ein die ganze Welt umspannendes Reich, geprägt von Friede und Völkerverständigung.
Auch die zweite Sternstunde handelt von einem Herrscher, der Friede und Wohlstand für seine Untertanen ersehnte. Octavianus hatte den Bürgerkrieg beendet und in einem geschickten Schachzug am 13. Januar 27 v.u.Z. dem Senat in Rom seinen Rücktritt angeboten, wohl wissend, dass die ehrwürdigen Väter ihn bitten würden, zu bleiben. Der Tod Caesars hatte ihn aber gelehrt, dass er dem Senat pro forma eine Mitsprache einräumen musste. Nach außen eine Doppelherrschaft von princeps und Senat, in Wirklichkeit jedoch war „Rom eine Monarchie“, wie bereits Cassius Dio bemerkte. Der von Augustus geschaffene Thron trotzte dem Wechselspiel der Macht bis in die Zeit der Völkerwanderung.
Nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches war es Karl der Große, der Franken, Sachsen, Bayern, Langobarden und vielen weitere Stämme unter dem erneuerten Dach des Weströmischen Reiches einte. Am 25.12.800 krönte ihn Papst Leo zum Kaiser im Petersdom zu Rom. Leo handelte nicht uneigennützig. Der römische Adel hatte ihn zuvor abgesetzt und sogar körperlich misshandelt. Von päpstlichem Meineid und Ehebruch war die Rede. Karl setzte Leo wieder in Amt und Würden ein. Aus diesem Grunde war die Kaiserkrönung kein spontanes Ereignis, wie es uns der Hofbiograf Einhard einreden will. Die Kaiserkrönung war zugleich auch die „Krönung“ des Lebenswerks Karls. Er hatte sich wie kein anderer zuvor für Bildung und Wissenschaft eingesetzt. Wir verdanken ihm die ältesten Zeugnisse der deutschen Sprache.
Die Entdeckung Amerikas oder genauer die Erstürmung der Karibik durch Christoph Kolumbus, einem Genuesen in Diensten der spanischen Krone, zählt unbestritten zu den Sternstunden der Geschichte. Diese Auszeichnung gebührt auch all jenen Forschern und Entdeckern, die Schritt für Schritt die weißen Flecken auf der Landkarte mit Farbe und Leben füllten. Das 15. Jahrhundert ging in die Geschichte als das Jahrhundert des Aufbruchs zu neuen Ufern ein. Kopernikus und Kepler hatten das theoretische Weltbild revolutioniert und die spanischen, portugiesischen und englischen Seefahrer erbrachten den praktischen Beweis.
Alexander Demandt führt unter den Sternstunden der Geschichte auch drei Schriftstücke auf, welche die Welt veränderten. In der Magna Charta trotzen im Jahre 1215 englische Adlige ihrem König Johann Ohneland ein weitgehendes Mitsprache- und Widerspruchsrecht ab. Die Urkunde garantiert auch einen Schutz gegen willkürliche Verhaftung. Zusammen mit der Habeas Corpus Akte und der Bill of Rights markiert sie einen wichtigen Schritt hin zur konstitutionellen Monarchie. 1776 erklärten sich 13 englische Kolonien in Nordamerika für „Freye und unabhängige Staaten ... und dass alle Politische Verbindung zwischen ihnen und dem Staat Großbritannien hiemit gänzlich aufgehoben seyn soll“, wie der Pennsylvanische Staatsbote“ meldete. Der Erfolg hatte drei Väter: George Washington, Tabakpflanzer aus Virginia, leitete das militärische Oberkommando; Thomas Jefferson, Rechtsanwalt aus Virginia, schmiedete aus den Einzelstaaten eine Union (Der Schriftzug: e pluribus unum – aus vielen eines – zierte lange Zeit die viertel Dollar Münze) und Benjamin Franklin, Selfmademan, Erfinder und Diplomat, erreichte die internationale Anerkennung des neuen Staates. Die Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen aus dem Jahre 1948 schließlich sichert allen Menschen gleiche Grundrechte zu. Leider haben nicht alle Nationen diese Rechte auch in positives Recht kodifiziert und mangels Geld oder religiöser Intoleranz können sie auch nicht immer und von jedem eingefordert werden. Es ist eben doch noch ein weiter Weg zur Völkerfamilie – gens una sumus.
Den Religionsstiftern des Christentums, des Islam und des Protestantismus hat Demandt jeweils ein Kapitel gewidmet. Christus und Mohammed haben ihre Lehre aus dem Judentum entwickelt. Beide traten für Toleranz und Erneuerung ein. Nachdem das Judentum seine Lehre ablehnte, wandte sich Mohammed beim Gebet nicht mehr nach Jerusalem sondern nach Mekka. Wie leicht aus Liebe Hass werden kann, zeigen die Religionskriege und Terrorabschläge. Es bedarf immer wieder mutiger Menschen, die Missstände anprangern und Schranken niederreißen. Martin Luther war einer von ihnen. Sein Eintreten für eine deutschsprachige Bibel, humanistische Bildung, Mädchenschulen und sein Widerstand gegen den Ablasshandel („Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt“), das Zölibat, die Ohrenbeichte und die Heiligenverehrung, sowie sein unbeugsames Auftreten vor dem Kaiser auf dem Reichstag zu Worms verlangen unsere Achtung. Noch 100 Jahre zuvor bezahlte Johann Huß seinen Mut mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen.
Toleranz ist auch die Tugend eines Menschen, der durch seinen gewaltlosen Widerstand zur Legende geworden ist: Mahatma Gandhi. „Gandhi war ein Meister der Selbstlosigkeit, die Inkarnation der Friedfertigkeit, ein Charismatiker.“ Immer wieder trat er für die Belange der Mittellosen, der Geknechteten ein, immer wieder wurde er inhaftiert. Doch Gandhi verstand es, Presse und Weltöffentlichkeit für seine Zwecke zu mobilisieren.
Ob man die gewaltsame Öffnung Japans durch die „Kanonenboot-Diplomatie“ des Amerikaners Perry zu den Sternstunden rechnen sollte, darf in Frage gestellt werden. Natürlich waren wirtschaftliche Interessen ausschlaggebend. Und obwohl die Japaner nunmehr zweitstärkste Wirtschaftsnation sind, bleibt die Frage berechtigt, ob der Fortschritt für dieses immer noch sehr traditionelle Land eher Segen oder doch Fluch bedeutet.
Zu einer Sternstunde für die Deutsche Nation wurde der 3.11.1990. An diesem Tage fiel der eiserne Vorhang, der das deutsche Volk 45 Jahre lang trennte. Gewiss war Glück im Spiel. Doch Glück zeichnet eben auch die besondere Stunde, die Sternstunde, gegenüber der Alltäglichkeit aus.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 5. März 2006 |